"Bitte nicht um eine leichte Bürde - bitte um einen starken Rücken." Franklin Delano Roosevelt (1882-1945)

Sind Windräder die neuen Kirchtürme?

Die Bundestagswahl liegt jetzt zwei Monate zurück. Die Wahlsieger haben sich auf eine Koalition geeinigt, mit aus katholischer Sicht sehr problematischen gesellschaftspolitischen Aspekten in der Koalitionsvereinbarung, z.B. der Abschaffung des Werbeverbotes für Abtreibungen, was praktisch den Weg zur Abschaffung des § 218 StGB ebnet und damit einer vollständigen Legalisierung der Abtreibung bis zur Geburt.

Diese Politik wird durch den massiven Stimmenverlust der „C“- Parteien ermöglicht. Für die CDU war das Ergebnis insbesondere in Sachsen ein Desaster. Eine Partei, die einst über 50% der Wähler von ihrer Politik überzeugen konnte, ist mit weniger als 20% auf Platz 3 hinter AfD und SPD gelandet.

Wo liegen die Ursachen für diese herbe Niederlage?

Prof. Patzelt fasst das Ergebnis mit der Aussage zusammen, dass die Union 2017 einen Teil ihrer Stammwählerschaft verloren habe und 2021 die „Laufkundschaft“, die wieder Rot oder Grün gewählt hat. Es war nicht klar genug, wofür die Union steht, was sie von anderen Parteien unterscheidet. Es ist deshalb unbestritten, dass die CDU ihr Profil deutlicher machen muss. Ein Aspekt ist dabei die Frage, wie es gelingen kann, dass die Union auch christliche und katholische Wähler wiedergewinnt. Eine Analyse des konservativen ungarischen Danube Instituts kann hierzu einen Beitrag leisten. Diese Analyse wird im Folgenden kurz skizziert.

Der Journalist András Jancsó hat im Vorfeld der Wahl Dr. Thomas Goppel ehem. Generalsekretär der CSU und Minister a.D., Mathias Kretschmer, Vorsitzender unseres katholischen Arbeitskreises in der CDU Sachsen und Björn Odendahl, Chefredakteur von katholisch.de des Internetportals der Deutschen Katholischen Kirche gefragt: „Was erwarteten katholische Wähler von Parteien, die mit dem „C“ werben?“ Unter dem Titel „Windräder auf Kirchtürmen, Katholische Dilemmata bei der Bundestagswahl 2021“ ist die Analyse am 12.10. erschienen (Artikel ist leider nur auf Ungarisch verfügbar, die pdf enthält zahlreiche Literaturhinweise und Links).

Mit dieser Analyse soll auch ein Beitrag zu der langjährigen Debatte, was das „C“ im Namen einer politischen Partei bedeuten kann, geleistet werden. Handelt es sich um christliche Parteien? Für Christian Wolf, den sozialdemokratischen Pfarrer der Thomaskirche Leipzig, ist der Fall klar, das „C“ ist die Lebenslüge der CDU. Der ehemalige Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, der praktizierender Katholik war, trat ebenfalls der SPD bei, weil er meinte, dass das christliche Element in der CDU zu einer leeren Formel geworden sei.

Für katholisch.de war Armin Laschet der "stärkste Katholik", der mehrfach von Franziskus und seinem Vorgänger Benedikt XVI zu Privataudienzen empfangen wurde. Die katholischen Arbeitskreise in Sachsen und Thüringen hätten dagegen Friedrich Merz favorisiert.

Mathias Kretschmer, Vorsitzender des katholischen Arbeitskreises der CDU in Sachsen, betonte gegenüber Danube, dass das „C“ wieder klarer werden muss. Dazu gehören insbesondere die Themenfelder Familienpolitik, Schutz des Lebens und Schutz der Schöpfung. Auch katholische Stimmen müssen in der CDU wieder gehört werden. Das Markenzeichen der CDU ist nicht, dass sie konservativ ist, sondern das christliche Menschenbild. Zu Laschet vermerkt Kretschmer kritisch an, dass sein Glaube kaum an seinen Taten sichtbar wird „Für Katholiken gibt es Werte und Gebote, die nicht verhandelbar sind: Ablehnung von Abtreibung und assistierter Suizid, das Ehe und Familienverständnis, Pflege der Kranken, Bewahrung der Schöpfung (statt Klimawandel)“. Diese Kritik wird von Danube als z.T. berechtigt bewertet.

Thomas Goppel ehemaliger Generalsekretär der CSU, beklagt, dass bei der Union eine Mehrheit eine klare Einstellung zu einer gesunden Familie und zum ungeborenen Leben vermisst. Er glaubt dennoch, dass CDU/CSU katholische Wähler binden kann. In dem Maß jedoch in dem die Menschen aus der Kirche austreten, nimmt auch die Bindung an Parteien ab. Kirchen und Parteien leiden an Überalterung. Laut den Statistiken ist die Unterstützung der Unionsparteien durch Katholiken rückläufig, aber immer noch stärker als für andere Parteien. 

Für Björn Odenthal, Chefredakteur von katholisch.de, gibt es den klassischen Katholiken nicht mehr. Katholiken definieren sich eher über ihre soziale Situation und repräsentieren somit unterschiedliche Positionen zu Themen wie Sozial-, Steuer- oder Wirtschaftspolitik. Auch in der Familienpolitik gibt es keine einheitliche katholische Position. Dagegen wird der Umweltschutz immer wichtiger, was auch Papst Franziskus betont. Das macht wiederum die Grünen attraktiv.

Kretschmer, der sich als konservativer Katholik sieht, betont die Bedeutung der katholischen Soziallehre, die ihm, hilft zu entscheiden, welche politischen Entscheidungen er unterstützen kann und welche nicht. Die CDU ist zu weit nach links aus der Mitte gerutscht.

Sowohl Goppel als auch Kretschmer glauben nicht, dass der vom Papst immer wieder kritisierte Synodale Weg einen direkten Einfluss auf die Wahl haben wird, wobei Goppel soziale und kulturelle Einflüsse auf die Abstimmung einräumt. Auch Odenthal verweist auf die soziale Vielfalt in seiner Gemeinde.

Alle drei sehen, dass für meisten Katholiken eine Wahl der Linkspartei oder der AfD nicht in Frage kommt, auch wenn es beim Familienbild und beim Lebensschutz Gemeinsamkeiten der AfD mit Positionen der katholischen Kirche gibt. Für Kretschmer wäre die (bundespolitisch unbedeutende) Zentrumspartei die einzige Alternative. Die linken Parteien wollen Sozialismus und die Legalisierung der Abtreibung.

Was würde eine Wahlschlappe der Union für Katholiken bedeuten? Kretschmer befürchtet, dass sich die Missachtung der Katholiken verschärfen könnte. Goppel sieht die historische Sonderrolle der Kirchen, z.B. die Kirchensteuer wegfallen, wenn die Union in der Opposition ist. Es würden dann Windräder die Kirchtürme als Staatsymbol ablösen.

 

Hier der Antworten auf die von DANUBA Fragen von Mathias im Wortlaut

Sehr geehrter Herr András Jancsó, hier nun meine Antworten auf Ihre interessanten Fragen. 

Vorausschicken muss ich, um die Fragen sehr gut zu beantworten, dass es zwei Probleme mit den Katholiken und der CDU in Deutschland gibt. Die CDU ist derzeit gespalten in konservative und eher Mainstreammitglieder. Für die katholische Kirche in Deutschland sieht dies seit dem Beginn des Synodalen Weges, welcher für sehr viel Unmut sorgt, auch eher nach Spaltung als nach Versöhnung aus. Nun kommt es darauf an, aus welchem Blickwinkel man Ihre Fragen betrachtet.

Ich bin eher der konservative Katholik und auch konservatives CDU-Mitglied. Dies hängt einerseits mit der Herkunft/Erziehung und andererseits mit den Erfahrungen im Leben zusammen. Ich bin aufgewachsen in der ostdeutschen katholischen Diaspora in der DDR. Durch mein Interesse an Kirche und Politik macht ich Erfahrungen im Einklang mit der Katholischen Soziallehre und blickte auch über den Tellerrand. Dies führt unweigerlich zu Situationen, wo ich überlegen muss, ob ich politische Entscheidungen mittragen kann oder nicht, wen ich unterstütze, wähle und wie ich dies kommuniziere. Dabei kommt es zu Gewissenskonflikten aufgrund der Abwägung zwischen katholischer Soziallehre und der Gesellschaftsforderungen. Ein Beispiel ist der Bundestagsbeschluss zur „Ehe für alle“ oder aktuell die Debatte über assistierten Suizid in Deutschland.

Der synodale Weg ist aus meiner Sicht ein Irrweg von deutschen Katholiken, der nicht auf der Lehre der Kirche basiert, sondern auf innerkirchliche vom Geschlecht abhängige Machtstrukturen abzielt. Die Eucharistiefeier verkommt zum Theaterstück. Wie sie lesen können, ergibt sich ein durch Spaltung gebildetes Profil in der Kirche wie auch in der CDU in Deutschland. Ich antworte aus meiner konservativen Sicht, die eigentlich einfach nur römisch-katholisch im Ursprung ist und meine Heimat in der CDU bedeutet - diese wird sie auch bleiben.

1. Kann die CDU die Katholische Bevölkerung vertreten?

Sie kann kaum mehr die katholische Bevölkerung vertreten, weil sie sich für konservative Katholiken zu weit links von der Mitte verortet hat. Die anderen Katholiken wählen dann eben dem Mainstream und meist das Original SPD / Linke / Grüne. Es gibt auch konservative Katholiken, die der AfD näherstehen würden, wenn diese keine rechtsradikalen Züge besäße. Es kommen kaum noch katholische Werte, die dennoch in der CDU verankert sind, in der Gesellschaft an, z.B. Werte und Positionen die klare Grenzen setzen: Ablehnung der Abtreibung, das Ehe- und Familienbild sowie das klare Bekenntnis zu Freiheit statt Sozialismus.

2. Gibt es neben der CDU/CSU Alternativen für Katholiken?

Eigentlich gibt es diese Alternativen nicht. Die CDU hat mit der von ihr aufgebauten Sozialen Marktwirtschaft ein richtig gutes Argument. Leider hapert es innerhalb der CDU am Umgang mit den Katholiken und deren Werten - wir betrachten nun mal die Entscheidungen aus einem anderen Blickwinkel. Die einzige Möglichkeit wäre die Deutsche Zentrumspartei aus der damals die CDU entstanden ist, die von Katholiken 1870 gegründet wurde. Diese Partei hat jedoch keinen wirklichen Einfluss mehr auf die Politik auf Bundesebene. Die Linksparteien (SPD, Linke bzw. ehemalige SED und Grüne) dürften für Katholiken inakzeptabel sein, zumal diese Parteien die Abtreibung legalisieren wollen. Andererseits wollen diese Parteien den Sozialismus. Der Sozialismus ist kein System, das akzeptabel sein sollte. Die Enzykliken des heiligen Papstes Johannes Paul II. betonen die Tücken dieses gescheiterten politischen und wirtschaftlichen Systems. Die sogenannte Alternative ist verrückt. Ein bisschen Patriotismus, ein bisschen Sozialismus.

3. Ist Armin Laschet die beste Wahl für Katholiken / Warum oder warum nicht?

Wenn man einen Katholiken wie ihn möchte, dann ein klares ja. Er wird als leiser, ständig gesprächsbereiter Zusammenführer gehandelt. Das ist für mich ein Problem, weil ich eben kaum etwas von ihm wahrnehme. Durch diese Art ist sein Glauben im Handeln kaum ablesbar. Ich denke deshalb ist er eher nicht die beste Wahl für Katholiken. Für Katholiken gibt es Werte und Gebote die nicht verhandelbar sind: Ablehnung von Abtreibung und assistierter Suizid, das Ehe und Familienverständnis, Pflege der Kranken, Bewahrung der Schöpfung (statt Klimawandel) uvm. Dies kommt bei ihm und der Bundes CDU derzeit leider kaum zum Ausdruck.

4. Wenn die CDU / CSU die Wahl nicht gewinnt, was können die Katholiken danach erwarten?

Dadurch das die Kanzlerin in den letzten 10 Jahren kaum auf katholische Hinweise reagiert, sich deren angenommen oder gefördert hat (Abstimmung/ Einspruch zur PID, Ehe für alle, u.ä) sondern einfach abstimmen lies in den oberen CDU Gremien oder im Bundestag, können die Katholiken nach einem Wahlverlust auf weitere Ignorierung hoffen – dann steht ja fast schon die Frage des Sozialismus im Raum (bei einem Wahlsieg des linken Lagers von SPD, Die Linke und den Grünen, die werden ihre Chance sofort nutzen).

5. Hat die 2019 begonnene deutsche Synode (Synodaler Weg) bei den Wahlen eine Bedeutung?

Das kann ich mir nicht vorstellen. So verschieden wie die Katholiken derzeit sind, so verschieden werden sie auch wählen – das ist eher ein deutsches innerkirchliches Dilemma.

6. Könnte die deutsche Synode (Synodaler Weg) einen politischen Umbruch auslösen?

Nein, aber er könnte durchaus eine zweite Spaltung der Katholischen Kirche hervorrufen.

7. Was sehen sie, kann die Soziallehre der Kirche 2021 mit der CDU-Politik vereinbar sein?

Die CDU-Politik ist schon noch mit der Katholischen Soziallehre unterwegs, aber sie wird zu lapidar ausgelegt, dies wollen wir als Katholischer Arbeitskreis in der CDU korrigieren, weg von der Linkslastigkeit der CDU – derzeit sind wir eher eine „SDU-Sozialdemokratische Union“, die dem Mainstream ohne Wenn und Aber nachläuft, um zu gefallen und in der Mitte der Gesellschaft eine ROLLE zu spielen. Dies geht zu Lasten der Glaubwürdigkeit und somit zu einer anderen Entscheidung der Wähler, nämlich zum jeweiligen Original oder zum Protest.

8.Welche Rolle spielt die Politisierung deutscher Katholiken in Bezug auf Migration?

Das ist ein großes Spannungsfeld. Wer katholisch ist, hat kein Problem mit gesteuerter Migration oder humanitärer Nothilfe aufgrund der Nächstenliebe als Gebot Gottes. Aber es muss klar sein, wie es während und danach weitergeht. Hilfen im Herkunftsland sind ebenso denkbar wie gezielte Aus-und Weiterbildung mit Integration in Deutschland. Hier muss Deutschland wieder viel besser werden und klarer im Ausdruck. Das ist auch eines unserer Ziele.

Ich möchte die Chance nutzen, um mich direkt bei Ihnen und ihren Landsleuten für die Hilfe 1989 zu bedanken. Durch Euer Aufschneiden des Eisernen Vorhanges habt ihr der friedlichen Revolution in der DDR einen großen Schub verliehen. Dies wird meiner Meinung nach kaum mehr hervorgehoben. Mit dem Fall der Mauer habt ihr auch mir persönlich die Chance zur Selbstverwirklichung in einem freien Deutschland gegeben.

Herzlichen Dank und Gott schütze Ungarn.

Mit freundlichen Grüßen

Mathias Kretschmer